Forschung mit und für Menschen

Fehler & Feedback: Wie Kinder lernen, ihr Denken zu steuern

Phil.-hum. Fakultät der Universität Bern Season 9 Episode 2

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Wir sind überzeugt, etwas richtig zu machen – und liegen trotzdem daneben.

Für Kinder sind solche Momente Teil ihres Lernalltags. Doch auch wir Erwachsene kennen sie gut – und stehen vor denselben Herausforderungen.

In dieser Episode sprechen wir mit Prof. Claudia Roebers, Dr. Ebru Ger und Dr. Lidia Truxius vom Institut für Psychologie der Universität Bern darüber, wie Kinder lernen, ihr eigenes Denken zu beobachten, zu steuern und aus Fehlern zu lernen.

Gemeinsam diskutieren wir, was hinter exekutiven Funktionen und Metakognition steckt – also hinter den Fähigkeiten, die darüber entscheiden, ob Kinder innehalten, ihr Verhalten anpassen und ihr Lernen regulieren können. Die drei Psychologinnen zeigen anhand vieler konkreter Alltagsbeispiele, warum Fehler kein Hindernis, sondern wichtige Orientierungspunkte sind und weshalb diese Prozesse ein Leben lang herausfordernd bleiben.

Im Gespräch wird auch deutlich, welche Rolle Feedback, Tempo und Genauigkeit im Lernalltag spielen und wie Kinder lernen, ihr eigenes Denken zu regulieren, wenn sie innehalten, nachjustieren und weitermachen dürfen. Eine unterstützende Fehlerkultur ist dabei zentral: denn sie hilft Kindern, aus Unsicherheit Orientierung zu gewinnen und ihr Lernen aktiv weiterzuentwickeln.

Kurzum: Eine Diskussion für alle, die Kinder beim Lernen begleiten und verstehen wollen, warum Innehalten, Irrtümer und Rückmeldungen zentrale Bausteine von Entwicklung sind.

Dieser Podcast wird produziert von der Phil.-hum. Fakultät der Universität Bern.
Bei den besprochenen Inhalten handelt es sich um aktuelle Forschungsergebnisse, welche zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Podcasts vorläufige Gültigkeit haben.

Bei Anregungen, Fragen oder Feedback zum Podcast: foma.humdek@unibe.ch
Expertinnen zu Gast: Prof. Dr. Claudia Roebers, Dr. Ebru Ger und Dr. Lidia Truxius
Moderation und Produktion: Julia Wess


Prof. Dr. Claudia Roebers:

Was vielleicht an der Stelle auch wichtig ist zu sagen, auch Erwachsene sind nicht perfekt darin, ihr eigenes Lernen oder ihr Verhalten zu steuern.

Dr. Lidia Truxius:

Übergreifend kann man sagen, dass exekutive Funktionen dazu da sind, eigene Gedanken und Verhalten zu steuern.

Dr. Ebru Ger:

Es gibt spannende Studien, die zeigen, dass schon Babys mit 12 Monaten bestimmte Gehirnreaktionen zeigen, wenn sie einen Fehler machen.

Prof. Dr. Claudia Roebers:

Das ist jetzt nur ein Beispiel, aber wir gehen schon davon aus, dass wir im Grunde genommen im Alltag in so Situationen kommen, wo wir merken, unser Gedächtnis, unsere Gedanken haben uns ein bisschen in die Irre geführt und dann sollte quasi so ein natürlicher Prozess der sogenannten Kalibrierung eintreten.

Dr. Lidia Truxius:

Ich glaube, es gibt ganz viele verschiedene Alltagssituationen, wo das wichtig ist. Viele alltägliche Aufgaben sind ein Abwägen zwischen Geschwindigkeit und Genauigkeit.

Julia Wess:

Und damit herzlich willkommen zu einer neuen Folge unseres Podcasts Forschung mit und für Menschen. Heute sprechen wir über Fähigkeiten, die oft im Hintergrund wirken, nämlich die mehr oder weniger ausgeprägte Fähigkeit von Menschen, einzuschätzen, was sie sicher wissen, was sie nicht so sicher wissen und wann und warum sie einen Fehler gemacht haben. Diese Fähigkeiten sind für das Leben, Denken, Handeln und Entscheiden von Erwachsenen in vielen alltäglichen Situationen von grosser Bedeutung. Zum Beispiel fragen wir uns, wie sicher weiss ich, auf welchem Gleis der Zug abfährt? Habe ich alles Wichtige eingepackt? Sollte ich lieber noch einmal nachschauen? Oder wenn wir einkaufen gehen, was stand auf der Liste? Bin ich sicher, dass ich alle Zutaten für den Kuchen, den ich backen will, eingekauft habe? Oder auch Wissensfragen, wie zum Beispiel, wie heisst die Hauptstadt von Australien? Wie sicher bin ich mir da eigentlich? Diese Beispiele beschreiben sogenannte höhergeordnete kognitive Fähigkeiten, auch metakognitive Fähigkeiten oder exekutive Funktionen genannt. Auch für Kinder sind solche Fähigkeiten, also die Metakognition und exekutiven Funktionen, von grosser Bedeutung. An der Universität Bern besteht seit 20 Jahren ein Forschungsschwerpunkt zu genau diesem Thema. In unserem Podcast heute beschäftigen wir uns damit, also mit der Frage, über welche Fähigkeiten Kinder in welchem Alter verfügen, warum sie so wichtig sind, was sie so schwierig macht, wie man sie fördern kann und vieles mehr. Wir wollen also der Frage nachgehen, was passiert, wenn Kinder sich selbst steuern, Entscheidungen treffen oder einen Fehler machen und wie sie eigentlich lernen, ihr eigenes Denken zu beobachten, zu überwachen, zu steuern und zu verbessern. Bevor wir uns mit der Frage beschäftigen, wie Kinder denken, klären wir erst einmal die Grundlagen. Was sind genau exekutive Funktionen und was versteht man unter Metakognition, also der Fähigkeit, das eigene Denken und Erinnern zu überwachen? Ich freue mich sehr, heute gleich drei Expertinnen auf diesem Gebiet begrüssen zu dürfen. Prof. Dr. Claudia Roebers, Dr. Ebru Ger und Dr. Lidia Truxius. Sie arbeiten alle drei am Institut für Psychologie der Universität Bern und ihre Forschung konzentriert sich auf die Entwicklung kognitiver Kontrollprozesse und der Metakognitionsfähigkeiten bei Kindern. Herzlich willkommen!

Prof. Dr. Claudia Roebers:

Hallo!

Dr. Ebru Ger:

Hallo!

Dr. Lidia Truxius:

Danke!

Julia Wess:

Dann starten wir gleich mit der ersten Frage und zwar, damit wir alle wissen, wovon wir denn heute sprechen, wollen wir erst einmal ein paar Grundbegriffe klären. Was versteht man denn unter exekutiven Funktionen und Metakognition?

Dr. Lidia Truxius:

Wie du eben erwähnt hast, sind beide sehr wichtige Prozesse für das Denken und auch das Handeln im Alltag und auch sehr zentral für das Lernen bei Kindern, aber auch bei Jugendlichen und Erwachsenen. Dies insbesondere auch, weil diese Fähigkeiten uns helfen, Gedanken und Verhalten zu steuern und auch zu kontrollieren. Wenn wir von exekutiven Funktionen sprechen, dann sprechen wir meist über Fähigkeiten, die uns ermöglichen, bewusst oder zielgerichtet zu handeln oder auch unser Denken zu steuern. Also vielfach auch, wenn es darum geht, gewohnte Prozesse oder automatische Prozesse zu übersteuern, indem wir eben mehr Aufmerksamkeit auf diese Prozesse lenken, um unser Verhalten anzupassen. Die exekutiven Funktionen umfassen in der Regel drei verschiedene Komponenten. Das eine ist das Arbeitsgedächtnis. Beim Arbeitsgedächtnis werden Informationen im Kopf behalten und dann weiterverarbeitet. Es geht vor allem um die Fähigkeit, Informationen aufzunehmen, für eine kurze Zeit zu behalten und mit ihnen zu arbeiten. Eine weitere Komponente ist die Inhibition, also die Fähigkeit, auch Impulse zu kontrollieren, die erste Absicht zurückzuhalten, um eben das Verhalten entsprechend zu steuern. Und dann die dritte Komponente ist die kognitive Flexibilität. Bei der kognitiven Flexibilität geht es eben darum, Perspektiven zu wechseln, das Verhalten anzupassen, je nach Situation, was es braucht. Also übergreifend kann man sagen, dass exekutive Funktionen dazu da sind, eigene Gedanken und Verhalten zu steuern. Wenn wir von Metakognition sprechen, dann geht es viel auch um diese Gedankenprozesse über das eigene Denken. Also darüber, wie ich denke, und über dieses Denken zu reflektieren. Und wir möchten heute vor allem über einen Aspekt der Metakognition sprechen, oder zwei vielleicht auch. Zum einen die Überwachung, also zu schauen, wie gut meine Gedankenprozesse funktionieren, wie gut ich das Gelernte verstanden habe und ob ich vielleicht noch einmal darüber nachdenken muss. Und zum anderen die Kontrolle, also eben auch aufgrund dieser Information, wie ich mein Gedächtnis überwacht habe, eben auch Strategien ableite, um das Lernen zu verbessern. Es geht also übergreifend darum, das eigene Lernen zu beobachten, zu planen und auch zu steuern.

Julia Wess:

Wir haben also auf der einen Seite die exekutiven Funktionen, die das Arbeitsgedächtnis, die Unterdrückung von Impulsen und auch die Flexibilität beinhalten. Und auf der anderen Seite die Metakognition. Warum ist es denn jetzt so entscheidend, die beiden Sachen trotzdem gemeinsam zu betrachten und nicht einzeln?

Prof. Dr. Claudia Roebers:

Also erst einmal muss man schon beide getrennt betrachten und separat beforschen, damit man versteht, wie die sich zum Beispiel im Verlauf einer Kindheit entwickeln. Dann aber ist es effektiv so, dass es sehr viel Sinn macht, diese beiden Prozesse auch gemeinsam zu betrachten, weil sie auch Dinge gemeinsam haben. Also zum einen sind sie in vielen Alltagssituationen sehr, sehr wichtig. Zum anderen sehen wir, dass sie sich im Laufe der Kindheit ziemlich parallel zueinander entwickeln. Also die Entwicklungsfortschritte, die wir sehen, die sind relativ ähnlich. Das macht es natürlich auch interessant zu fragen, welche Faktoren stecken denn dann vielleicht auch noch dahinter? Wir wissen inzwischen auch, dass ähnliche Faktoren der Umwelt einen ähnlichen Einfluss auf die Entwicklungsverläufe haben. Und wir sehen auch für beide Bereiche, dass Kinder vor allen Dingen anfällig sind für Fehler und anfällig dafür sind Fehler nicht zu erkennen. Was vielleicht an der Stelle auch wichtig ist zu sagen, auch Erwachsene sind nicht perfekt darin, ihr eigenes Lernen oder ihr Verhalten zu steuern. Das sieht man zum Beispiel an Leuten, die eine ganze Tafel Schokolade aufessen, weil sie es nicht schaffen, diesen Impuls zu unterdrücken. Oder ein Glas Wein zu viel trinken, obwohl sie wissen, sie hatten eigentlich genug. Wir sehen das bei Prüfungen, Prüfungssituationen, dass Studierende zu früh aufhören, sich für eine Prüfung vorzubereiten, weil sie glauben, sie haben eigentlich genug gelernt. Und genauso kann es Situationen im Alltag geben, wo wir 100 Prozent davon überzeugt sind, dass wir das und das in die Tasche eingepackt haben, kommen am Zielort an und wir haben es nicht. Wir hätten einfach noch einmal nachschauen müssen und so weiter. Also ich glaube, das ist noch wichtig zu sagen, das ist eine langsame Entwicklung in beiden Bereichen über die Kindheit hinweg. Aber das Endergebnis der Entwicklung ist nicht, dass wir perfekt darin sind. Das macht es für uns eigentlich so interessant.

Julia Wess:

Sie haben es gerade schon angesprochen, das Erkennen eigener Fehler gehört also auch dazu. Wie erkennen Kinder denn Fehler und warum ist es wichtig, wie Kinder auf Fehler reagieren?

Dr. Ebru Ger:

Ja, das ist eine sehr spannende Frage, mit der wir uns auch in unserer Forschung beschäftigen. Fehlererkennung ist tatsächlich ein Teil der sogenannten Exekutivfunktionen. Also jener Prozesse im Gehirn, die unser Denken und Verhalten steuern. Es gibt bestimmte Hirnregionen und Netzwerke, zum Beispiel im vorderen Bereich des Gehirns, die dabei eine Rolle spielen. Diese entwickeln sich über die Kindheit hinweg, vor allem im Vorschul- und Grundschulalter. Wir wissen aus der Forschung, dass sich sogar die Hirnaktivität verändert, wenn ein Kind einen Fehler macht. Im Elektroenzephalogramm sieht man bestimmte Signale, die zeigen, dass das Gehirn den Fehler bemerkt. Das sind zum einen die sogenannte Error-Related Negativity, kurz ERN, eine frühe Reaktion des Gehirns, die schon wenige Millisekunden nach dem Fehler auftritt. Zum anderen gibt es die Error-Positivity, kurz PE, die etwas später erscheint und eher mit der bewussten Wahrnehmung des Fehlers zusammenhängt. Aber wir können auch im Verhalten sehen, ob Kinder ihre Fehler wahrnehmen. Zum Beispiel neigen Kinder oft dazu, vor einem Fehler schneller zu antworten. Das nennen wir Pre-Error-Speeding. Wenn sie dabei zu schnell reagieren, kann das zu einem Fehler führen. Und wenn Kinder nach einem Fehler langsamer werden, spricht man von Post-Error-Slowing. Das ist ein Hinweis darauf, dass sie den Fehler bemerkt haben und sich nun stärker konzentrieren. In unserer Forschung sehen wir, dass viele Kinder vom Kindergarten bis zur fünften Klasse tatsächlich nach Fehlern langsamer werden. Das zeigt, dass sie lernen, ihre Reaktion zu kontrollieren. Und das ist wichtig, denn Kinder, die ihre Fehler bemerken und sich danach besser regulieren, schneiden in kognitiven Aufgaben oft auch besser ab. Umgekehrt, natürlich, wenn Kinder ihre Fehler nicht bemerken, lernen sie auch weniger aus ihnen. In manchen Fällen, zum Beispiel bei ADHS, sieht man sogar, dass Kinder weniger oder gar keine Verlangsamung nach Fehlern zeigen. Ausserdem sehen wir, dass das Beschleunigen vor dem Fehler, also Pre-Error-Speeding und das Verlangsamen danach, also Post-Error-Slowing, oft zusammenhängen. Wenn ein Kind zum Beispiel besonders stark beschleunigt, dann verlangsamt es sich danach auch besonders stark. Das zeigt, wie das Selbstregulationssystem funktioniert. Und gute Selbstregulation im Kindesalter ist ein wichtiger Baustein für viele Dinge wie Schulerfolg, spätere Gesundheit und sogar Berufserfolg.

Julia Wess:

Wenn wir diese ganzen Erkenntnisse nun in den Alltag übertragen möchten, wo sind denn diese Kompetenzen neben den genannten Beispielen wichtig?

Dr. Lidia Truxius:

Ich glaube, es gibt ganz viele verschiedene Alltagssituationen, wo das wichtig ist. Viele alltägliche Aufgaben sind ein Abwägen zwischen Geschwindigkeit und Genauigkeit. Und wenn eine Aufgabe uns gut gelingt, dann erhöhen wir das Tempo. Dann werden wir schneller, weil es auch wichtig ist, verschiedene Aufgaben zu erledigen. Gerade auch in der Schule geht es oftmals darum, mehrere Aufgaben zum Abschluss zu bringen. Also erhöhe ich das Tempo, wenn ich merke, es gelingt mir, ich bin gut in dieser Aufgabe. Auf der anderen Seite ist eben das Verlangsamen, dieses Post-Error-Slowing, wenn ich einen Fehler mache, ist eben genauso wichtig, weil es eben auch hilft, dann mein Lernen wieder anzupassen und zu verbessern. Also erst wenn ich den Fehler bemerke und langsamer werde, kann ich eigentlich auch diese Genauigkeit, die eben genauso wichtig ist wie die Geschwindigkeit, erst dann kann ich diese Genauigkeit auch wieder aufbauen, um die Aufgaben sicher richtig zu lösen. Also es braucht beide diese Fähigkeiten. Ich kann vielleicht ein Beispiel zum Lesen machen. Also wenn ich einen Text lese im Alltag und ich merke, das Gelesen, das ist mir bekannt, ich weiss vieles davon schon, dann lese ich vielleicht etwas schneller. Wenn ich aber zu einem Punkt komme, wo ich merke, ah, da bin ich mir nicht mehr so sicher, dann werde ich etwas langsamer und passe meine Lesegeschwindigkeit der Situation an. Das ist eigentlich das Gleiche auch mit den Fehlern. Also wir brauchen dieses Schnellerwerden, wenn uns etwas gelingt, aber auch das erneute Langsamerwerden, wenn uns etwas nicht gelingt.

Julia Wess:

Das klingt nach sehr wichtigen Kompetenzen sowohl in der Schule als auch im Alltag. Wie können denn jetzt Eltern, Lehrpersonen oder allgemein pädagogische Fachpersonen Kinder dabei fördern, diese Kompetenzen zu stärken?

Dr. Ebru Ger:

Ja, das ist eine sehr wichtige Frage. In unserer Forschung testen wir auch Trainings, mit denen wir Kinder dabei unterstützen können. Zum Beispiel mit Lernspielen auf dem Tablet-Computer, bei denen sie Rückmeldung zu ihrer Reaktionsgeschwindigkeit und auch zu ihren Fehlern bekommen. Ein Beispiel. Die Kinder bekommen auf dem Bildschirm ein Herz gezeigt und sollen dann auf dieselbe Seite tippen, auf der das Herz erscheint. Nach einer Weile wechselt die Regel, jetzt sehen sie eine Blume und sollen auf die gegenüberliegende Seite tippen. Das ist gar nicht so einfach, denn sie müssen nun die vorher gelernte Regel hemmen und die neue anwenden. Dann wird es noch schwieriger, Herzen und Blumen kommen gemischt und die Kinder müssen ständig zwischen den Regeln wechseln. In einem Training mit Kindergartenkindern haben wir über zwölf Sitzungen hinweg gezeigt, wenn Kinder gezieltes Feedback bekommen, also zum Beispiel wenn ihnen gesagt wird, dass sie zu schnell waren oder einen Fehler gemacht haben, dann verbessern sie ihre Leistung mehr als Kinder ohne Rückmeldung. Sie machen nicht nur weniger Fehler, sondern lernen auch ihre Reaktion besser zu kontrollieren, ohne dabei langsamer oder ungenauer zu werden. Das heisst, sie regulieren sich effizienter. Wir bereiten gerade vor, diese Training-Apps auch öffentlich über den Google Play Store zugänglich zu machen, damit auch Lehrpersonen sie nutzen können. Aber auch ohne Tablets oder Apps können Eltern und Lehrpersonen natürlich viel tun. Wichtig ist, Kindern gezieltes Feedback zu geben. Nicht nur sagen, das war falsch, sondern zum Beispiel, schau mal, vielleicht warst du zu schnell, oder versuch beim nächsten Mal, ein bisschen langsamer und genauer zu sein. Auch Alltagssituationen oder Spiele, bei denen Regeln gewechselt oder genauer zugehört werden müssen, sind hilfreich. Zum Beispiel Stopptanz, Simon sagt, oder Aufgaben, bei denen Kinder erst warten und dann reagieren müssen. All das trainiert Exekutivfunktionen und hilft auch beim Erkennen von Fehlern.

Julia Wess:

Das Feedback spielt also eine zentrale Rolle.

Dr. Ebru Ger:

Absolut.

Prof. Dr. Claudia Roebers:

Und wenn wir jetzt die exekutiven Funktionen mal verlassen und in den Bereich der Metakognition und der Förderung dieser metakognitiven Kompetenzen gehen, sieht das im Prinzip auch ähnlich aus. Also wir gehen davon aus, das sind Alltagsfunktionen. Das heisst, der Alltag sollte uns allen, Erwachsenen wie Kindern, Möglichkeiten geben, Feedback zu bekommen. Also man steigt in den falschen Zug und bekommt dann das Feedback, dass man doch besser noch einmal hätte nachschauen müssen. Dann würde man schnell an seinem Ziel ankommen. Das ist jetzt nur ein Beispiel. Aber wir gehen schon davon aus, dass wir im Grunde genommen im Alltag in so Situationen kommen, wo wir merken, unser Gedächtnis, unsere Gedanken haben uns ein bisschen in die Irre geführt. Und dann sollte quasi so ein natürlicher Prozess der sogenannten Kalibrierung eintreten. Jetzt ist es aber so, das ist ein bisschen tricky, weil der Alltag uns oft nicht genau dieses Feedback gibt, das wir bräuchten. Oder das Feedback kommt erst viel später. Also wenn wir beispielsweise eine Einkaufsliste zu Hause liegen gelassen haben, dann gehen wir erst einmal einkaufen und merken später zu Hause, dass wir das Falsche eingekauft haben. Das heisst, dieser Kalibrierungsprozess funktioniert nicht so gut und das ist eigentlich auch die Erklärung dafür, warum wir Erwachsene eigentlich auch nicht so gut darin sind, unser Gedächtnis richtig einzuschätzen. Nach dem heutigen Stand der Forschung ist es effektiv so, dass es sehr schwierig ist, diese Überwachungsprozesse zu fördern und genauer zu machen. Das ist wirklich ein langer Prozess dieser Kalibrierung. Es gibt immer wieder Situationen, in denen man doch im richtigen Zug landet, obwohl man einfach nur hinter den anderen hergelaufen ist. Das führt dazu, dass diese Kalibrierung nicht immer funktioniert. Aber sicher wissen wir, dass Feedback wie bei den exekutiven Funktionen eine Rolle spielt, und am besten ist natürlich direktes Feedback. Also wenn Lehrer vor einer Klassenarbeit fragen, was glaubst du, wie viele Punkte wirst du erreichen, schau dir den Text an, was glaubst du, wie schwierig wird es für dich sein, diesen Text zu verstehen, und dann im Nachhinein sagen, jetzt hast du 20 Punkte, du hast aber gedacht, du erreichst nur 15. Woran hat es gelegen, dass du dich unterschätzt hast? Oder was war beim Lesen nicht gut? War es vielleicht zu unruhig im Aussenrum? Du hast gedacht, du kannst den Text morgens schnell im Bus lesen, und das ging aber nicht. Aha, woran hat es gelegen? Also dass eigentlich solche Dinge in der Umwelt von Kindern passieren, die sie nach und nach so ein bisschen sensitiv dafür machen, dass unser Gedächtnis und unser Lernen uns eben im Stich lassen kann oder dass wir uns überschätzen können. Ich glaube, das ist wichtig. Wichtig ist auch zu wissen, dass Menschen sich sehr stark darin unterscheiden, wie gut sie diese Information verarbeiten können. Das heisst, wie sensitiv sie dafür sind. Manche schauen, bevor sie in die Ferien fahren, zehnmal nach, ob sie auch ihren Reisepass eingepackt haben. Das ist wahrscheinlich auch zu viel. Andere schauen zweimal nach, und wenn ich ihn abends in die Tasche getan habe, würde ich morgens selber noch einmal nachschauen, obwohl ich nicht glaube, dass ihn mir jemand herausgenommen hätte. Ich glaube, diese grossen Unterschiede zwischen Individuen, wie sensitiv sie dafür sind, erklären auch, warum es sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern so grosse Unterschiede in diesen Fähigkeiten gibt. Das macht natürlich auch diese Förderung wieder sehr schwierig, weil die einen brauchen gar keine Förderung und die anderen sind einfach in ihrer Entwicklung noch nirgendwo. Und deshalb kommen wir auch mit unseren Förderprogrammen, will ich jetzt mal sagen, dort gar nicht richtig hin.

Julia Wess:

Also auch eine grosse Frage, wo denn gefördert werden sollte.

Prof. Dr. Claudia Roebers:

Wo gefördert werden kann, wie man fördert und wie viel gefördert werden muss. Und sicher ist sowohl für exekutive Funktionen als auch für die Metakognition klar, dass wir das, weil es in so vielen Situationen vorkommt, auch in möglichst vielen Situationen üben und Feedback geben müssen. Und da kommen wir natürlich schnell an unsere Grenzen.

Dr. Lidia Truxius:

Obwohl noch nicht ganz klar ist, wie wir die Kinder in diesen Fähigkeiten unterstützen können, ist es wichtig, dass eben genau diese unterstützende Sprache im Alltag verwendet wird. Also dass wir Kindern auch zeigen, es ist in Ordnung, Fehler zu machen. Man kann etwas daraus mitnehmen. Und den Kindern zu zeigen, dass Erwachsene auch Fehler machen. Also auch wir als Erwachsene, Eltern, Lehrpersonen sind nicht fehlerfrei. Und wir vergessen vielleicht auch einmal etwas. Und deswegen ist es auch in Ordnung zu sagen, jetzt habe ich das vergessen. Das nächste Mal muss ich mir einen Zettel hinlegen, damit ich mich das nächste Mal erinnere. Und das sind ganz kleine Situationen im Alltag, die den Kindern auch helfen, durch die Vorbildfunktion von Lehrpersonen und Eltern etwas mitzunehmen und zu lernen.

Julia Wess:

Dann werfen wir zum Schluss noch einen Blick in die Zukunft. Und zwar, was bleibt denn sonst noch offen? Wo bewegt sich die Forschung Ihrer Meinung nach noch hin? Was sind noch Fragen?

Prof. Dr. Claudia Roebers:

Ja, wir wollen und müssen unbedingt verstehen, was Kindern hilft, mit der Zeit besser zu werden in diesen exekutiven Funktionen und in der Metakognition. Sie werden besser, das wissen wir. Sie schätzen sich genauer ein. Sie haben mehr Durchhaltevermögen. Sie können Ablenkungen besser ausblenden und, und, und. Also das ist wirklich klar. Wir wissen aber viel zu wenig noch darüber, was die Entwicklung schlussendlich vorantreibt. Wir haben eben über dieses Feedback gesprochen. Immer wieder üben, in Situationen kommen und so weiter. Aber so ganz genau, wie das funktioniert, wissen wir es eigentlich noch nicht. Und wir selber können uns ja auch an der Nase packen und sagen, wie oft lassen wir Dinge zu Hause liegen? Wie oft kaufen wir die falschen Sachen ein, weil wir es nicht mehr genau wissen? Das ist so. Das gehört vielleicht auch zum Menschsein dazu. Aber wir wollen wirklich noch viel besser verstehen, was die Entwicklung vorantreibt. Unser Fokus in der nahen Zukunft wird auf den Interaktionen zwischen Eltern und Kindern liegen. Also wie funktioniert das im Alltag? Ich habe eben von diesem Prozess der Kalibrierung gesprochen und wir wollen den bei den Kindern zu Hause im Alltag finden. Also wie machen das Familien, wenn sie für die Ferien ihre Sachen packen? Oder wenn sie einen Besuch bei der Oma planen, ihr etwas mitbringen und vielleicht auch übernachten wollen, wo es dann blöd ist, wenn man die Hälfte zu Hause vergessen hat? Oder wie machen sie das eigentlich, wenn sie gemeinsame Unternehmungen machen? Wie machen das Eltern, wenn sie ihren Kindern helfen, für eine Prüfung am Ende der Woche zu lernen? Und wir hoffen, dass wir, wenn wir da hineinschauen können, dann noch besser verstehen, warum bei einigen Kindern eben dieser Kalibrierungsprozess gut funktioniert oder auch bei Erwachsenen gut funktioniert hat und bei anderen eben nicht.

Dr. Ebru Ger:

Ja, da gibt es gerade noch zwei spannende Richtungen, an denen wir arbeiten. Zum einen beobachten wir mit Sorge, wie stark kurze Videos, zum Beispiel auf TikTok, Instagram oder YouTube Shorts, den Alltag von Kindern beeinflussen. Auch Grundschulkinder in einem jungen Alter sehen oft solche Clips, die nur wenige Sekunden oder Minuten dauern und ständig neue Reize bringen. Erste Studien zeigen, dass diese Art von Medienkonsum die Aufmerksamkeit negativ beeinflussen kann. Wir sammeln aktuell Daten von Eltern von Zweit- und Viertklässlern. Wie oft konsumieren Ihre Kinder solche Videos, fragen wir. Gibt es Unterschiede je nach Alter, Geschlecht oder sozialem Hintergrund? Und ganz wichtig, hängt das mit Fehlererkennung und Aufmerksamkeitsproblemen zusammen? Diese Fragen wollen wir beantworten. Erste Auswertungen von uns zeigen bereits, dass etwa 11 Prozent der Zweitklässler und fast 16 Prozent der Viertklässler laut Eltern täglich oder sogar mehrmals täglich solche kurzen Videos schauen. Das zeigt deutlich, dass der Konsum mit dem Alter ansteigt und dass diese Form der Mediennutzung bereits im Grundschulalter ein relevantes Thema ist. Da hoffen wir bald noch genauere Ergebnisse zu haben. Zum Beispiel, ob dieser Konsum tatsächlich mit Fehlerverarbeitung oder ADHS-ähnlichen Symptomen zusammenhängt. Zum anderen interessiert uns, wie früh im Leben Kinder überhaupt Fehler bemerken. Es gibt spannende Studien, die zeigen, dass schon Babys mit 12 Monaten bestimmte Gehirnreaktionen zeigen, wenn sie einen Fehler machen. Das kann man, wie bereits erwähnt, im EEG messen, zum Beispiel durch das Signal ERN, Error-Related Negativity. Aber wir wissen noch nicht, ob man auch auf der Verhaltensebene etwas sehen kann, zum Beispiel, ob Babys nach einem Fehler langsamer werden, also Post-Error-Slowing zeigen. Wenn wir solche Hinweise finden, könnten wir vielleicht schon sehr früh gezielt fördern, also in einem Alter, in dem das Gehirn noch besonders formbar ist.

Julia Wess:

Wir bleiben also bei den Eltern zu Hause, mit einem stärkeren Fokus auf Social Media und diese Kurzvideos.

Dr. Ebru Ger:

Ja, genau.

Julia Wess:

In dem Fall bedanke ich mich für das Gespräch und für die spannenden Einblicke. Haben Sie zum Schluss noch Dinge, die noch gesagt werden sollten?

Prof. Dr. Claudia Roebers:

Ja, also ich glaube, dass klar geworden ist, und wir sehen das in unserer Forschung, dass junge Kinder doch schon sehr, sehr, sehr viel können. Und das, was wir untersuchen, sind anspruchsvolle Kontroll- und Steuerungsprozesse. Und auch wenn sie noch nicht so gut sind wie Erwachsene, müssen wir sagen, sind sie oft schon sehr, sehr gut und wissen genau, wann sie etwas wissen und merken, wenn sie einen Fehler gemacht haben. Wir haben sehr viel Spass an unserer Forschung und möchten uns an dieser Stelle bei den Lehrpersonen, den Schulleitern, den Eltern und vor allen Dingen den Kindern dafür bedanken, dass sie bei unseren Studien mitmachen. Wir versuchen das immer so zu machen, dass es allen Beteiligten möglichst viel Spass macht. Aber man muss schon sagen, wir verlangen auch etwas von den Kindern, weil wir wollen ja auch, dass sie Fehler machen, sonst können wir auch die Fehler nicht untersuchen. Und das ist wirklich ganz, ganz toll, wie viel Unterstützung wir aus der breiten Bevölkerung bekommen.

Julia Wess:

Und mit diesen schönen Worten sind wir leider auch schon am Ende des Podcasts angelangt. Ich bedanke mich für den interessanten Einblick in Ihre Forschung und Ihnen, liebe Zuhörende, vielen Dank fürs Zuhören, fürs Dabeisein und hoffentlich bis zum nächsten Mal.

Claudia, Ebru und Lidia:

Vielen Dank.[Musik]